Heimarbeit
Wirtschaftswunder am Küchentisch
 

Kettenstickstickerin Anna Reichetzeder

Anna Reichetzeder, geborene Haller stammte aus einer kinderreichen Familie. Sie wurde kurz vor Beginn des Ersten Weltkriegs, am 19. Jänner 1914 in Mellau geboren. Der Krieg hatte unmittelbare Folgen auf ihr Schicksal - ihr Vater starb kurz nach seiner Rückkehr aus dem Krieg 1918. Um ihre vier Kinder zu ernähren, arbeitete ihre Mutter stets als Kettenstichstickerin, das änderte sich auch nach einer neuerlichen Heirat und drei weiteren Kindern nicht.
Anna Haller fand als Mädchen eine erste Anstellung als Weberin bei der 1929 gegründeten Firma Lotteraner & Wüstner – Hart- und Weichfaserspinnerei in Mellau, einem der wenigen Industriebetriebe im Bregenzerwald. Nach ihrer Heirat mit Otto Reichetzeder, der aus Niederösterreich, Amstetten zugewandert war, wurde sie (wie die meisten erwerbstätigen Frauen) zur Heimarbeiterin – Sticken hatte sie ja wie viele Mädchen bereits von ihrer Mutter gelernt. Das Paar übersiedelte nach Krumbach.
Der Zweite Weltkrieg unterbrach Anna Reichetzeders Arbeit als Stickerin. Der Veredelungsverkehr mit der Schweizer Kettenstichstickerei war im Krieg abgerissen, was viele Vorarlberger Stickerinnen in Bedrängnis brachte.
Tatkräftig, wie sie laut der Erinnerung ihrer Freunde und Verwandten war, wusste sich Anna Reichetzeder aber über jene schwierigen Jahre zu bringen. Sie begann einerseits aus alten Stoffstücken und Fahrradschläuchen Hausschuhe herzustellen, für die sie in Krumbach und Umgebung zahlreiche Abnehmer fand. Andererseits war sie als Heimnäherin für den deutschen Uniformhersteller Kundruweit, der in Egg seinen Standort hatte, tätig. Zwischen 1939 und 1955 wurden drei Kinder, zwei Söhne und eine Tochter geboren.
Ende der 1950er Jahre lebte die Familie ein paar Jahre im Montafon - Otto Reichetzeder hatte bei den Illwerken eine Anstellung. Anna stickte selbst dort weiterhin in reduzierter Form für ihre Krumbacher Ferggerin Maria Nußbaumer. Schließlich kehrten sie nach Krumbach zurück und kauften im Dorf ein Haus, die ehemalige Bäckerei. Anna Reichetzeder stickte wieder intensiver und wurde zu einer der bekanntesten Stickerinnen im Bregenzerwald – ihre Fertigkeit war legendär.
Sie wurde von der Schweizer Firma Sandherr, für die über Jahrzehnte viele Heimarbeiterinnen im Bregenzerwald arbeiteten, mit der Herstellung der riesigen, kostbaren Tüllvorhänge für das Metropolitan Museum in New York und für die Wiener Hofburg (16 Stück) betraut.
Anna Reichetzeder war durch ihre Berufstätigkeit immer finanziell autark  - ihre grundsätzliche Bodenständigkeit und Selbstbestimmtheit wurden dadurch gestärkt und gefördert. Bis zu ihrem 82sten Lebensjahr war sie als professionelle Stickerin aktiv. 2015 starb Anna Reichetzeder im Alter von 101 Jahren.
Margit Fischer, die Gattin des Bundespräsidenten schrieb ihr 2007 vom Ballhausplatz: „ …viele Besucherinnen und Besucher aus dem In- und Ausland bewundern diese einzigartigen Stores immer wieder und es ist nun gut zu wissen, welche fleißigen Hände diese Kostbarkeiten zustande gebracht haben.“ und „Mit Ihrem Schaffen haben Sie dazu beigetragen, österreichisches Kulturgut zu sichern.“ So eine Würdigung wurde leider nur wenigen der tausenden Heimarbeiterinnen am Küchentisch zu Teil – Anna Reichetzeder hat sie verdient und sich sehr darüber gefreut!

Foto und Erinnerung zur Verfügung gestellt von Maria Westerlund (geb.Reichetzeder)

Verknüpfte Sammelstücke

Entgeltbuch Kettenstichstickerei

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